Warum Emetophobie so hartnäckig sein kann

Zu Beginn meiner Praxistätigkeit hat mich eine Rückmeldung immer wieder überrascht. Nachdem ich mit Klientinnen und Klienten die vermutete Ursache ihrer Emetophobie bearbeitet hatte, hörte ich sinngemäß:

„Mir geht es deutlich besser. Aber ich vermeide trotzdem noch vieles.“

Das kam mir zunächst widersprüchlich vor. Wenn die Angst so viel schwächer geworden war, warum blieben dann bestimmte Lebensmittel tabu? Warum wurde das Restaurant weiterhin gemieden? Warum stand die Zugfahrt immer noch nicht zur Debatte?

Heute lässt sich diese Beobachtung gut erklären: Vermeidung ist nicht nur eine Folge der Angst. Sie kann sich mit der Zeit zu einer tief eingeübten Gewohnheit entwickeln.

 Emetophobie so hartnäckig

Vermeidung fühlt sich gut an

Wer einer gefürchteten Situation aus dem Weg geht, spürt meist sofort Erleichterung. Die Einladung zum Essen ist abgesagt, der verdächtige Joghurt wandert in den Müll, die Zugfahrt findet nicht statt.

Die Anspannung lässt nach.

Für das Gehirn kann diese Erleichterung wie eine Belohnung wirken. In der Lernpsychologie spricht man von negativer Verstärkung: Ein unangenehmer Zustand fällt weg und das Verhalten, das dazu geführt hat, wird dadurch wahrscheinlicher.

Auch Dopamin spielt bei solchen Lernprozessen eine Rolle. Vereinfacht gesagt lernt das Gehirn:

Vermeiden hat funktioniert.

Beim nächsten Mal steigt deshalb die Wahrscheinlichkeit, wieder auf die gleiche Strategie zurückzugreifen.

Das Tückische daran: Ob die befürchtete Gefahr überhaupt bestanden hätte, erfährt man nicht. Die Erleichterung stellt sich trotzdem ein.

 

Aus Vermeidung wird Gewohnheit

Wird ein Verhalten häufig wiederholt und immer wieder als erleichternd erlebt, kann sich mit der Zeit auch verändern, wie das Gehirn dieses Verhalten steuert.

Bei der Entstehung von Gewohnheiten spielen verschiedene Bereiche des Striatums eine wichtige Rolle. Vereinfacht gesagt sind beim Lernen eines neuen, belohnenden Verhaltens stärker ventrale Bereiche beteiligt. Wird ein Verhalten immer wieder ausgeführt, gewinnen zunehmend Bereiche des dorsalen Striatums an Bedeutung, die stärker mit Gewohnheiten und automatisierten Abläufen verbunden sind.

Für Vermeidungsverhalten bei Angststörungen wird ein solcher Übergang zur gewohnheitsmäßigen Steuerung ebenfalls diskutiert.

Man kennt etwas Ähnliches aus dem Alltag. Wer Autofahren lernt, muss anfangs über fast jeden Handgriff nachdenken. Irgendwann schaltet man, bremst oder setzt den Blinker, ohne sich bewusst damit zu beschäftigen.

Mit Vermeidungsverhalten kann es ähnlich sein.

Am Anfang steht vielleicht noch die bewusste Überlegung:

„Das lasse ich lieber, dann kann nichts passieren.“

Nach vielen Wiederholungen wird darüber kaum noch nachgedacht. Bestimmte Lebensmittel landen einfach nicht mehr im Einkaufswagen. Ein Restaurant kommt gar nicht erst infrage. Eine Reise wird nicht einmal mehr in Erwägung gezogen.

Das Verhalten läuft zunehmend automatisch ab.

 

Die Angst wird kleiner – der Automatismus bleibt

Damit erklären sich auch die Rückmeldungen, die mich früher so überrascht haben.

Die vermutete ursprüngliche Ursache kann bereits bearbeitet und die Angst deutlich schwächer geworden sein. Das über Jahre eingeübte Vermeidungsverhalten kann trotzdem weiterlaufen – automatisch, weitgehend unbewusst und immer wieder nach demselben Muster.

Viele Betroffene denken dann gar nicht mehr:

„Ich habe Angst, deshalb lasse ich das.“

Sie lassen es einfach.

Manche Verhaltensweisen werden nach Jahren möglicherweise gar nicht mehr als Vermeidung wahrgenommen. Sie sind Teil des normalen Alltags geworden.

Genau das kann ein Grund dafür sein, warum Emetophobie so hartnäckig ist. Nicht nur die Angst selbst kann sich festsetzen. Auch der Umgang mit der Angst kann zur Gewohnheit werden.

 

Was das für die Behandlung bedeutet

Wenn die Angst bereits deutlich schwächer geworden ist, lohnt es sich deshalb, das eigene Vermeidungsverhalten noch einmal bewusst anzuschauen:

Welche Lebensmittel esse ich schon lange nicht mehr? Welche Orte oder Situationen meide ich? Was mache ich automatisch, um Übelkeit oder Erbrechen möglichst sicher auszuschließen?

Dabei können auch Verhaltensweisen auffallen, die längst selbstverständlich geworden sind.

Im nächsten Schritt kann man beginnen, sich solche Bereiche des eigenen Lebens nach und nach zurückzuholen. Dabei kann eine neue Erfahrung entstehen:

Ich kann diese Situation bewältigen, ohne sie vermeiden zu müssen.

So kann neben der Bearbeitung der ursprünglichen Angst auch das über Jahre gelernte Vermeidungsverhalten verändert werden.

Denn wenn Vermeidung zur Gewohnheit geworden ist, verschwindet sie nicht zwangsläufig in dem Moment, in dem die Angst nachlässt.

Sie muss möglicherweise wieder verlernt und durch neue Erfahrungen ersetzt werden.

Weitere Informationen über die Angst vor dem Erbrechen, typische Symptome, mögliche Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten finden Sie auf meiner Seite ⁠Emetophobie – Angst vor dem Erbrechen.

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