Running Sushi und Emetophobie: Als aus Scham eine Angststörung wurde
Kerstin war 18 Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihren Freundinnen zum ersten Mal ein Running-Sushi-Restaurant besuchte. Die kleinen Teller zogen ununterbrochen an ihnen vorbei. Kerstin probierte dieses, dann noch jenes – und hatte schließlich deutlich mehr gegessen, als ihr Magen vertrug.
Als sie mit ihren Freundinnen das Restaurant verließ, wurde ihr plötzlich übel. Noch mitten im Restaurant musste sie sich übergeben – vor den Augen zahlreicher Gäste.
Für Kerstin war das eine Katastrophe. Nicht allein, weil sie sich übergeben hatte. Viel schlimmer war für sie das Gefühl, von allen Menschen beobachtet zu werden. Sie schämte sich entsetzlich und wollte nur noch verschwinden.
Was sie damals nicht ahnte: Dieser kurze Moment sollte sie noch viele Jahre begleiten.
Name und persönliche Einzelheiten wurden zum Schutz der Klientin verändert.

Die Angst vor einer Wiederholung
Nach diesem Erlebnis begann Kerstin, genauer darauf zu achten, was und wie viel sie aß. Zunächst erschien ihr diese Vorsicht durchaus vernünftig. Schließlich wollte sie verhindern, dass ihr noch einmal etwas Ähnliches passierte.
Doch mit der Zeit nahm die Angst immer mehr Raum ein. Vor Restaurantbesuchen überlegte sie genau, welche Speisen sie vermutlich vertragen würde. Bei unbekannten Gerichten wurde sie unsicher. Nach dem Essen beobachtete sie aufmerksam ihren Magen.
- War das Druckgefühl normal?
- Hatte sie zu viel gegessen?
- War ihr vielleicht schon übel?
Harmlose Körperempfindungen wurden zu möglichen Warnzeichen. Sobald Kerstin etwas Ungewöhnliches in ihrem Magen bemerkte, richtete sich ihre gesamte Aufmerksamkeit darauf. Der Gedanke, sich erneut übergeben zu müssen, löste Angst aus.
Besonders schwierig waren Situationen, in denen andere Menschen anwesend waren und sie den Ort nicht jederzeit verlassen konnte. Restaurantbesuche, Feiern, längere Autofahrten oder gemeinsame Unternehmungen wurden zunehmend belastend.
Die eigentliche Angst lautete nicht nur: „Was ist, wenn ich mich übergeben muss?“
Dahinter stand eine zweite Befürchtung: „Was ist, wenn es wieder vor anderen Menschen passiert und ich mich noch einmal so schämen muss?“
Wenn die Angst selbst Übelkeit auslöst
Bei einer Emetophobie beobachten Betroffene ihren Körper häufig sehr genau. Jede Veränderung im Magen wird daraufhin überprüft, ob sie auf eine mögliche Übelkeit hindeuten könnte.
Dabei kann ein Kreislauf entstehen: Eine harmlose Magenempfindung wird wahrgenommen. Der Gedanke an mögliches Erbrechen löst Angst aus. Die körperliche Angstreaktion kann wiederum Magenbeschwerden und Übelkeit hervorrufen. Diese Beschwerden erscheinen dann als Beweis dafür, dass die befürchtete Gefahr tatsächlich näher rückt.
Die Übelkeit ist dabei nicht eingebildet. Angst kann körperliche Beschwerden tatsächlich auslösen oder verstärken. Je intensiver Kerstin ihren Körper kontrollierte, desto mehr Empfindungen nahm sie wahr. Und je mehr sie wahrnahm, desto unsicherer wurde sie.
Auch Vermeidung brachte nur kurzfristige Erleichterung. Wenn sie eine Einladung absagte oder ein Restaurant mied, fühlte sie sich zunächst sicherer. Gleichzeitig lernte ihr emotionales System daraus: „Zum Glück bin ich nicht hingegangen. Dort hätte etwas Schlimmes passieren können.“
So wurde die Angst nicht schwächer, sondern zunehmend bestätigt.
Nicht das Erbrechen war das eigentliche Problem
In der Therapie zeigte sich, dass die Situation im Running-Sushi-Restaurant für Kerstins Emetophobie eine zentrale Bedeutung hatte.
Auf den ersten Blick schien es um das Erbrechen zu gehen. Doch die stärkste Emotion war die damals erlebte Scham.
Kerstin hatte sich bloßgestellt und den Blicken der anderen Menschen ausgeliefert gefühlt. Sie konnte die Situation nicht verbergen, nicht ungeschehen machen und nicht sofort verschwinden. In diesem Moment verlor sie die Kontrolle über ihren Körper und zugleich darüber, welches Bild andere Menschen von ihr haben könnten.
Ihr emotionales System hatte daher nicht nur gespeichert: „Erbrechen ist gefährlich.“
Die entscheidende Verknüpfung lautete vielmehr: „Wenn ich mich vor anderen Menschen übergebe, werde ich angestarrt und erlebe erneut diese unerträgliche Scham.“
Mit vernünftigen Argumenten ließ sich diese Reaktion kaum beeinflussen. Kerstin wusste längst, dass jeder Mensch einmal erbrechen kann. Sie wusste auch, dass die Gäste den Vorfall vermutlich schnell vergessen hatten.
Doch dieses Wissen änderte nichts an ihrer Angst.
Die Ursprungssituation therapeutisch bearbeiten
In meiner ursachenorientierten Hypnosetherapie geht es nicht nur darum, die aktuellen Symptome zu verringern. Wir suchen nach den Erfahrungen, durch die die heutige Reaktion verständlich wird.
In Trance führte ich Kerstin mehrmals behutsam durch die damalige Situation. Dabei konnte sie das Erlebte mit ihrem heutigen Wissen und aus der Sicherheit der Gegenwart heraus nachträglich verarbeiten. So verlor die damalige Scham Schritt für Schritt ihre emotionale Kraft und die Verbindung zwischen Erbrechen und überwältigender Scham konnte sich lösen.
Ziel war nicht, Kerstin einzureden, dass Erbrechen angenehm oder völlig bedeutungslos sei. Es ging darum, die alte emotionale Verbindung zwischen Übelkeit, Kontrollverlust, öffentlicher Bloßstellung und überwältigender Scham aufzulösen.
Mit der Verarbeitung der Ursprungssituation verlor auch die Angst vor einer Wiederholung zunehmend an Kraft. Kerstin konnte ihren Magen wieder wahrnehmen, ohne jede Empfindung sofort als Warnsignal bewerten zu müssen. Auch Situationen, die sie zuvor aus Angst vermieden hatte, wurden wieder möglich.
Weitere Informationen zur Entstehung und Behandlung finden Sie auf meiner Seite Emetophobie Behandlung: Wenn die Angst vor dem Erbrechen Ihr Leben bestimmt
