Manche Karrieren scheitern nicht am Können
Wie ein Erlebnis aus der Schulzeit Jahrzehnte später den beruflichen Erfolg beeinflussen kann
„Ich kann das einfach nicht.“
Diesen Satz hörte ich von Thomas (Name geändert), einem 42-jährigen Projektleiter, der meine Praxis aufsuchte. Fachlich gehörte er zu den leistungsstärksten Mitarbeitern seines Unternehmens. Seine Kollegen schätzten ihn, und auch seine Vorgesetzten waren mit seiner Arbeit sehr zufrieden. Trotzdem wurde er immer wieder übergangen, wenn es um verantwortungsvollere Aufgaben oder eine Beförderung ging.
Nicht, weil ihm das Fachwissen fehlte.
Sondern weil er blockierte, sobald er vor der Geschäftsleitung präsentieren sollte. Seine Stimme wurde unsicher, sein Herz raste und er hatte das Gefühl, sich jeden Moment zu blamieren.
Im Laufe der Therapie zeigte sich jedoch, dass die Ursache nicht im Berufsleben lag.
Sie führte mehr als 25 Jahre zurück.
Wenn das Gehirn Gefahr lernt
Als Schüler musste Thomas ein Referat halten. Nach einem Versprecher lachte die Klasse. Der Lehrer griff nicht ein. In diesem Moment wollte Thomas vor lauter Scham im Boden versinken.
Für seine Mitschüler war die Situation nach wenigen Minuten vorbei.
Für Thomas’ Gehirn jedoch nicht.
Unser Gehirn hat die Aufgabe, uns vor Gefahren zu schützen. Erlebt ein Mensch eine Situation als besonders bedrohlich, merkt sich das Gehirn nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch die Situation, in der diese Bedrohung auftrat. Taucht später eine ähnliche Situation auf, reagiert es vorsorglich so, als bestünde die damalige Gefahr erneut.
Im Fall von Thomas entstand unbewusst die Verknüpfung:
Vor anderen sprechen = Gefahr.
Warum die Vergangenheit im Berufsleben weiterwirkt
Genau solche Zusammenhänge erlebe ich in meiner Praxis immer wieder.
Ein Lehrer stellt einen Schüler vor der Klasse bloß.
Ein Referat endet mit Gelächter.
Oder ein einziger Satz bleibt hängen:
„Du kannst das nicht.“
Die Situation ist längst vorbei.
Die emotionale Reaktion bleibt.
Jahre später steht derselbe Mensch in einem Unternehmen. Obwohl objektiv keine Gefahr besteht, reagiert sein Gehirn noch immer mit Stress. Präsentationen werden vermieden, Diskussionen mit Vorgesetzten fallen schwer und die eigene Kompetenz bleibt häufig unsichtbar.
Gerade im Berufsleben kann das entscheidend sein. Denn neben Fachwissen spielen auch Sichtbarkeit, sicheres Auftreten und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, eine wichtige Rolle.
Warum Training allein oft nicht genügt
Viele Betroffene besuchen Rhetorik- oder Kommunikationstrainings. Diese können hilfreich sein.
Liegt die eigentliche Ursache jedoch in einer unverarbeiteten emotionalen Erfahrung, verändern solche Trainings häufig nur das Verhalten – nicht aber die unbewusste Alarmreaktion.
Deshalb berichten manche Menschen, dass sie trotz zahlreicher Seminare noch immer unter massiver Nervosität leiden, sobald sie vor anderen sprechen sollen.
Fazit
Nicht jede Unsicherheit hat ihre Ursache in der Schulzeit. Persönlichkeitsmerkmale, mangelnde Erfahrung oder aktuelle Belastungen können ebenfalls eine Rolle spielen.
Die therapeutische Praxis zeigt jedoch immer wieder, wie stark frühe emotionale Erfahrungen unser späteres Verhalten beeinflussen können.
Manchmal scheitert eine Karriere deshalb nicht am Können.
Sondern an einem Erlebnis, das Jahrzehnte zurückliegt – dessen Wirkung jedoch bis heute bestehen geblieben ist.
