Emetophobie behandeln: Verhaltenstherapie oder Hypnose?

„Soll ich eine Verhaltenstherapie machen oder es lieber mit Hypnose versuchen?“

Diese Frage höre und lese ich von Menschen mit Emetophobie immer wieder. Meine Antwort darauf ist oft: Warum eigentlich entweder – oder?

Verhaltenstherapie und ursachenorientierte Hypnosetherapie setzen nämlich an ganz unterschiedlichen Stellen an. Gerade bei Emetophobie kann es deshalb sehr sinnvoll sein, beide Ansätze zu verbinden, statt sich für einen zu entscheiden.

Verhaltenstherapie oder Hypnose 

Verhaltenstherapie arbeitet vor allem im Hier und Jetzt

Eine Verhaltenstherapie schaut sich an, wie Angst heute entsteht, wodurch sie aufrechterhalten wird und wie Betroffene mit angstauslösenden Situationen umgehen. Bei Emetophobie spielt dabei häufig das Vermeidungsverhalten eine große Rolle.

Betroffene meiden bestimmte Lebensmittel, Restaurants, öffentliche Verkehrsmittel oder größere Veranstaltungen. Manche trauen sich nicht mehr in den Urlaub, andere lassen Alkohol weg oder gehen Menschen aus dem Weg, denen möglicherweise übel werden könnte. Selbst eine Schwangerschaft kann so aus Angst vor Übelkeit zur echten Belastung werden.

Kurzfristig funktioniert dieses Vermeiden erstaunlich gut – was ich meide, macht mir ja erst einmal keine Angst.

Langfristig festigt genau dieses Verhalten aber die Angst weiter. Denn jedes erfolgreiche Vermeiden bestätigt innerlich den Gedanken: „Zum Glück habe ich das nicht gemacht, sonst hätte ich wahrscheinlich wieder Panik bekommen.“ Und schon hat sich die Angst ein Stück weiter festgesetzt.

Genau an solchen Mustern setzt die Verhaltenstherapie an. Der Fokus liegt stärker darauf, wie man mit belastenden Situationen umgehen lernt.

 

Konfrontation kann bei Emetophobie eine riesige Hürde sein

Ein zentraler Baustein der Verhaltenstherapie bei Phobien ist die Konfrontation mit dem Gefürchteten. Das Problem bei Emetophobie: Genau diese Konfrontation ist für viele Betroffene eine enorme Hürde.

Sie haben oft über Jahre sehr ausgefeilte Strategien entwickelt, um genau die Situationen zu vermeiden, die Angst auslösen könnten. Und selbst wenn eine Verhaltenstherapie schrittweise vorgeht, kann sich für viele Betroffene schon die kleinste Konfrontationsstufe wie eine unüberwindbare Wand anfühlen.

Für manche ist das machbar. Andere sind dazu zunächst überhaupt nicht bereit, und bei einigen reicht schon die bloße Vorstellung einer Konfrontation, um starke Angst auszulösen.

Genau hier wird ein anderer therapeutischer Zugang interessant.

Bei Hypnose muss man sich keiner direkten Konfrontation stellen – niemand muss sich also in eine reale angstauslösende Situation begeben. Um alte Reaktionsmuster zu verändern, kann es aber trotzdem wichtig sein, sich mit früheren belastenden Situationen gedanklich und emotional auseinanderzusetzen.

In Trance geschieht diese Aufarbeitung jedoch aus einem Zustand tiefer körperlicher Ruhe und innerer Sicherheit heraus. Das Nervensystem bekommt so die Chance, die alte Bedrohung emotional vom Hier und Jetzt zu entkoppeln.

 

Was macht ursachenorientierte Hypnosetherapie anders?

Bei der ursachenorientierten Hypnosetherapie steht zunächst eine andere Frage im Mittelpunkt:

Warum reagiert das Gehirn überhaupt mit so starker Angst auf Übelkeit oder Erbrechen?

Die Grundannahme dabei: Hinter jeder Phobie stecken Ursachen – auch wenn sich der Betroffene an kein konkretes auslösendes Erlebnis erinnern kann.

Dafür kommen unterschiedliche Möglichkeiten infrage.

Zum einen können es einzelne Situationen sein, die direkt mit Erbrechen verbunden waren und in denen starke Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit oder Scham nicht ausreichend verarbeitet wurden – etwa eine heftige Magen-Darm-Erkrankung.

Zum anderen können es weniger dramatische, aber immer wiederkehrende Erfahrungen sein. Zum Beispiel, wenn ein Kind regelmäßig miterlebt, wie sich die schwer kranke Großmutter vor Schmerzen übergeben muss. Hier ist nicht das einzelne Erlebnis entscheidend, sondern die ständige Wiederholung.

Eine dritte Möglichkeit: Die Angst wird von einer Bezugsperson übernommen. Hat etwa die Mutter selbst eine ausgeprägte Emetophobie und erlebt das Kind immer wieder ihre starken Angstreaktionen, kann sich diese Angst beim Kind ebenfalls entwickeln.

Genau nach solchen Zusammenhängen wird in der ursachenorientierten Hypnosetherapie gesucht.

Das Ziel ist, alte emotionale Reaktionsmuster zu verändern, die heute automatisch ablaufen – damit Situationen, die momentan noch starke Angst oder Panik auslösen, irgendwann ihre Bedrohlichkeit verlieren.

Es geht also nicht nur darum, besser mit der Angst umgehen zu können, sondern die automatische Angstreaktion selbst zu verändern.

 

Wenn die Ursache bearbeitet ist – warum kann trotzdem noch Angst da sein?

Eine Emetophobie besteht oft über viele Jahre oder Jahrzehnte. In dieser Zeit werden bestimmte Reaktionen immer wieder eingeübt: „Das könnte gefährlich sein.“ „Das muss ich vermeiden.“ „Dort könnte sich jemand übergeben.“ „Dieses Lebensmittel könnte verdorben sein.“ „Wenn mir schlecht wird, muss ich sofort reagieren.“

Durch die ständige Wiederholung festigen sich solche Muster sehr stark – vereinfacht gesagt entstehen gut ausgebaute neuronale Pfade. Selbst wenn die ursprüngliche emotionale Ursache durch die Hypnosetherapie bearbeitet wurde, können diese über Jahre eingeübten Verhaltens- und Reaktionsmuster teilweise noch bestehen bleiben.

Das muss nicht so sein. Es gibt durchaus Fälle, in denen sich durch die ursachenorientierte Arbeit sehr viel verändert und die Angst komplett ihre Bedeutung verliert.

Aber es kann auch passieren, dass jemand danach sagt:

„Es ist viel besser, aber ganz weg ist es noch nicht.“

Das muss nicht bedeuten, dass noch eine tieferliegende Ursache existiert. Es kann schlicht sein, dass bestimmte Vermeidungs- und Sicherheitsmuster so lange und so oft wiederholt wurden, dass sie sich unabhängig davon weiter halten.

Und genau hier kann Verhaltenstherapie sinnvoll sein.

 

Warum die Kombination Sinn ergibt

Vereinfacht lassen sich beide Ansätze so unterscheiden:

Ursachenorientierte Hypnosetherapie fragt:
Warum entsteht diese starke automatische Reaktion überhaupt – und lässt sie sich verändern?

Verhaltenstherapie fragt:
Welche Gedanken, Verhaltensweisen und Vermeidungsstrategien halten die Angst heute aufrecht – und wie lassen sich diese verändern?

Ich sehe beide Verfahren deshalb nicht als Konkurrenten, sondern als gute Ergänzung.

Wurde durch ursachenorientierte Arbeit die innere Alarmreaktion bereits deutlich reduziert, lassen sich Situationen oft leichter angehen, die vorher völlig undenkbar waren. Die Verhaltenstherapie kann anschließend helfen, noch vorhandenes Vermeidungsverhalten abzubauen und neue Erfahrungen zu sammeln.

Umgekehrt kann auch eine bereits laufende Verhaltenstherapie durch ursachenorientierte Arbeit sinnvoll ergänzt werden, wenn bestimmte Angstreaktionen trotz aller rationalen Einsicht hartnäckig bleiben.

 

„Die Angst gehört jetzt zu Ihrem Leben“

Diesen Satz höre ich leider immer wieder von Menschen, die bereits wegen ihrer Angst in Behandlung waren:

„Die Angst gehört jetzt zu Ihrem Leben. Wir müssen lernen, damit umzugehen.“

Ich halte so eine Aussage für problematisch.

Natürlich ist es sinnvoll, jemandem Wege an die Hand zu geben, besser mit seiner Angst umzugehen. Problematisch wird es aber, wenn daraus die Botschaft entsteht:

„Diese Angst werde ich nie wieder los.“

Denn auch dieser Gedanke kann sich festsetzen und zur Erwartung werden.

Das therapeutische Ziel darf aus meiner Sicht ruhig größer sein: nicht nur ein Leben, das trotz der Angst wieder funktioniert – sondern möglichst ein Leben, in dem die Angst ihre Macht verliert.

 

Was das für Sie konkret bedeuten kann

Im Vorgespräch erkundige ich mich vor allem danach, welche Situationen für Sie früher belastend waren. Dadurch ergeben sich manchmal bereits erste Hinweise darauf, wo mögliche Ursachen liegen könnten. Außerdem erkläre ich Ihnen genau, wie ich arbeite und wie die Therapie abläuft.

Ob nach dieser Arbeit zusätzlich eine Verhaltenstherapie oder eine andere therapeutische Unterstützung sinnvoll ist, lässt sich häufig erst danach beurteilen.

Wie ich bei Emetophobie konkret vorgehe und wie die Behandlung abläuft, erfahren Sie ausführlich auf meiner Seite Emetophobie – Behandlung der Angst vor dem Erbrechen.

 

Verhaltenstherapie oder Hypnose?

Für mich lautet die entscheidende Frage bei Emetophobie deshalb nicht:

„Welche Therapie ist die bessere?“

Sondern:

„Was hält die Angst bei diesem Menschen aufrecht – und an welcher Stelle müssen wir ansetzen?“

Bei manchen reicht ein Ansatz aus. Bei anderen ist gerade die Kombination sinnvoll: erst die alten automatischen Reaktionsmuster verändern und anschließend noch vorhandenes Vermeidungsverhalten abbauen. Oder beide Wege parallel nutzen.

Denn am Ende soll es nicht darum gehen, sich ein Leben lang möglichst geschickt um die Emetophobie herumzumanövrieren.

Das Ziel ist, dass Essen, Reisen, Schwangerschaft, Kinder, Krankheiten oder ein Mensch, dem plötzlich schlecht wird, irgendwann wieder das sein können, was sie für andere Menschen auch sind:

Situationen des Lebens – keine Bedrohung.

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